In Betzavta-Trainings arbeiten wir viel mit dem Thema Bedürfnisse. Um beispielsweise einen Konflikt demokratisch zu lösen, ist es wichtig, dass alle von dem Konflikt unmittelbar oder mittelbar betroffenen Personen ihre Bedürfnisse offen legen.

Dabei kommt man schnell an den Punkt, an dem diskutiert wird, was eigentlich Bedürfnisse sind, welche Bedürfnisse legitim sind und ob alle Bedürfnisse gleichwertig nebeneinander stehen. Oder ob manche Bedürfnisse wichtiger sind als andere und wer eigentlich darüber entscheidet. Über diese Fragen entstehen leicht neue Konflikte.

Ist beispielsweise das Bedürfnis von A, etwas zu tun gleichwertig mit dem Bedürfnis von B, dass A dies nicht tut?

Sagen wir, A möchte Klavier spielen, B möchte, dass er das nicht tut, weil es ihm zu laut ist.

Das Bedürfnis von A besteht aus A heraus, es ist ein wirkliches und echtes Bedürfnis, das in A selbst entstanden ist und wirkt damit auf jeden Fall legitim.

Das Bedürfnis von B besteht nur unter der Voraussetzung, dass A versucht, sein Bedürfnis umzusetzen. Ohne das Bedürfnis von A, Klavier zu spielen, wäre das Bedürfnis von B, dies nicht hören zu müssen, nie entstanden. Das Bedürfnis von B besteht im ersten Moment also nur darin, die Selbstverwirklichung von A zu unterbinden.

Wenn das Bedürfnis des einen nur darin besteht, dass jemand anderes etwas NICHT tut, ist es schwierig, beide Bedürfnisse als gleichwertig zu betrachten.

Oder nehmen wir ein anderes Beispiel. A möchte im bauchfreien Oberteil durch die Stadt laufen, B möchte nicht, dass A das tut, weil es ihm unangenehm ist, den nackten Bauch von A zu sehen. Hier ist der Gegensatz noch sehr viel eindeutiger, da das Verhalten von A eigentlich keinerlei Auswirkungen auf B hat.

Um bei dem Klavier-Beispiel zu bleiben.

Vielleicht möchte B um die Uhrzeit, in der A übt, schlafen. Vielleicht würde B selbst gerne Klavier lernen, aber traut sich nicht oder kann es sich nicht leisten und ist nun jedes mal neidisch, wenn er A spielen hört. Vielleicht erinnert es B an seine verstorbene Oma, die auch immer so schön Klavier gespielt hat und B wird jedesmal traurig, wenn er A Klavier spielen hört. Vielleicht musste B aber auch als Kind Klavier lernen und hat die Klavierstunden derart gehasst, dass er jetzt jedes mal Beklemmungen kriegt, wenn er A Klavier spielen hört.

Was ist, wenn A nur mit Klavier angefangen hat, weil es so schön laut ist und er wusste, dass das zu Konflikten mit B führen wird? Was, wenn er das Bedürfnis, Klavier spielen zu wollen, nur vorgibt, um B zu provozieren? Was wenn er nur Klavier spielen möchte, um zu beweisen, dass er das Recht hat, Klavier zu spielen? Ist sein Bedürfnis Klavier zu spielen dann noch genauso legitim, wie wenn es aus aufrichtiger Liebe zur Musik resultiert?

Es ist wichtig, sich der verschiedenen, hinter dem offensichtlichen Bedürfnis liegenden Bedürfnisse und Emotionen bewusst zu werden und sie dem Gegenüber sichtbar und verständlich  zu machen. Und es ist Aufgabe von uns Betzavta-Trainer_innen, unseren Seminarteilnehmer_innen vor Augen zu führen, dass Bedürfnisse sehr viel vielschichtiger und mehrdimensionaler sind, als wir es häufig vermuten. Nicht nur die Bedürfnisse des anderen, sondern auch die eigenen. Und dass das, was wir zu wollen glauben, manchmal nicht unser wirkliches Bedürfnis widerspiegelt, sondern nur unsere Strategie, diesem Bedürfnis gerecht zu werden.