Hat euch schon einmal jemand gesagt, “Ich toleriere dich, so wie du bist.”? Was ist euch da durch den Kopf gegangen?
Ich kann euch sagen, was ich in solchen Momenten denke. Ich denke:

Ach, du tolerierst mich? Das ist aber nett von dir. Und wer gibt dir das Recht, mich zu tolerieren? Was geht es dich an, was ich mache? Wer ich bin? Und was gibt es da überhaupt zu tolerieren? Vielleicht toleriere ich ja auch dich. Schon mal darüber nachgedacht?“

Ganz ehrlich. Toleriert zu werden, ist nichts, was einem ein wirklich gutes Gefühl gibt. Es ist demütigend, toleriert zu werden. Und ein Verhalten, dass dem Anderen ein Gefühl der Demütigung gibt, kann folglich auch nichts Gutes sein.

Obwohl – witzigerweise – jemanden zu tolerieren, gibt einem selbst ein unglaublich gutes Gefühl. Ist ja auch super, jemanden zu tolerieren. Es bedeutet, wahnsinnig aufgeschlossen, weltgewandt und einfach “richtig” zu sein, und dabei trotzdem das Gefühl von Überlegenheit nicht aufgeben zu müssen. Denn toleriert wird immer nur in eine Richtung, von der Mehrheit in Richtung vermeintlich abweichendem Verhalten.

Denn in dem Moment in dem wir jemanden tolerieren und uns dafür großartig fühlen, sind wir ja nicht im gleichen Moment und im gleichen Maße unglaublich dankbar, dass der Andere uns auch toleriert. Oder hat irgendeiner von euch, wenn er gerade ein Händchen haltendes lesbisches Paar toleriert hat, gleichzeitig ein Gefühl von tiefer Dankbarkeit empfunden, dass dieses Pärchen die eigene heterosexuelle Beziehung toleriert? Probiert dieses Umkehren mit allen Themen, die euch so einfallen, wo wir landläufig davon sprechen, dass wir das tolerieren und versucht, das umzudrehen. Das klappt irgendwie nicht, oder? 

Toleranz ist die Grundlage

Damit das nicht missverstanden wird: Natürlich ist Toleranz besser, als Intoleranz, das steht außer Frage. Aber das ganze System von “Tolerieren – ja/nein?” ist nicht ganz das, was uns auf Dauer wirklich weiter hilft.

Denn was heißt eigentlich tolerieren? Etwas auszuhalten, obwohl man es nicht mag?

Das ist natürlich auf jeden Fall gut und eine Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben in einer pluralen, bunten Gesellschaft. Und viele Menschen mussten in der Vergangenheit und müssen es nach wie vor jeden einzelnen Tag ihres Lebens aushalten, dass selbst das für viele Mitmenschen nicht möglich ist. Sie erfahren es in Form von Gewalt, sie erfahren es in Form von Beleidigungen, in Form von abschätzigen Blicken oder Diskriminierung in der Schule, im Beruf und bei der Wohnungssuche. Und bei all den Menschen, die nicht in der Lage sind, diese Basics des sozialen Zusammenlebens umzusetzen, macht es auf jeden Fall Sinn, zunächst für den Wert der Toleranz zu kämpfen.

Wir müssen über das Konzept der Toleranz hinaus wachsen

Aber all jene, die bereits erkannt haben, dass wir ohne ein großes Maß an Toleranz gegenüber den Lebensentwürfen anderer Menschen nicht wirklich weiter kommen, dass so nichts neues entsteht, wir immer nur auf der Stelle treten und kein Fortschritt, keine Zukunft und keine Weiterentwicklung möglich ist – diese Menschen, die den ersten Schritt schon lange gemacht haben oder sogar schon von den Eltern vorgelebt bekommen haben, die müssen nun den nächsten Schritt gehen, der vielleicht sogar noch schwerer ist. Nämlich über das Tolerieren hinauszugehen und den anderen Lebensentwurf, der nicht der eigene ist, als gleichwertig zu erkennen.

Solange wir die Notwendigkeit dieses Schrittes nicht erkennen, werden wir nie verstehen, warum Minderheiten sagen, sie würden sich in Gegenwart der Mehrheit nicht wohl fühlen. Sie würden sich in ihrer eigenen Gesellschaft nicht als zugehörig empfinden, nicht angenommen fühlen.

Wir denken dann vielleicht, “Wieso, wir lassen euch doch sein, wir ihr wollt.” Vielleicht werden wir sogar ein bisschen sauer und denken “Reicht denen das immer noch nicht, was wollen die denn noch? Soll ich das jetzt vielleicht auch noch gut finden, wie die sind? Das reicht ja wohl, dass ich das jeden Tag aushalte.” Und was passiert da? Die Toleranz bröckelt, weil wir der Meinung sind, dass wir dafür nicht genug zurückbekommen.

Weil wir der Meinung sind, dass die Anderen nicht dankbar genug sein. Und deswegen ist Toleranz nicht genug. Weil sie die Kategorien von richtig und abweichend aufrechterhält, weil sich dieses Denken nicht ändert und die Toleranz auch immer ins Gegenteil kippen kann.