In meiner Arbeit geht es häufig um die Notwendigkeit, richtig zuzuhören. Der Gedanke, dass wir häufig das Zuhören verlernt haben, hat mich in letzter Zeit viel beschäftigt. Es muss doch möglich sein, dass wir das wieder lernen?! Und schließlich ist aus den vielen Überlegungen dazu diese Übung entstanden. Ihr braucht dafür nicht viel, nur euch selbst, einen Gesprächspartner und einen Ort, an dem ihr euch wohl fühlt.

Die Übung gliedert sich in drei Teile. Es bleibt euch überlassen, ob ihr die Übung an drei aufeinander folgenden Tagen absolviert oder ob ihr ein paar Tage dazwischen vergehen lasst und euch z.B. an drei aufeinander folgenden Samstagen Zeit dafür nehmt. Und los geht es.

Erster Tag.

Überlege dir einen Menschen, der dir wichtig ist. Nimm dir etwas Zeit und setz dich mit diesem Menschen zusammen. Am besten an einem Ort, an dem ihr euch beide wohl fühlt. Vielleicht in einem Café, bei einem Glas Wein, zuhause oder unterwegs. Und sobald ihr angekommen seid und angenehm beisammen sitzt – höre diesem Menschen zu. Einfach nur zuhören. Ohne schlaue Kommentare, ohne den Satz des anderen zu vervollständigen, kein “Ich weiß was du meinst.” und schon gar kein, “Das gleiche ist mir auch mal passiert.”
Gerät dein Gegenüber ins Stocken, stell ruhig ein paar Fragen, die zum Weiterreden animieren. “Wie hast du dich dabei gefühlt?” oder “Was würdest du dir jetzt wünschen?”
Am Ende des Tages, wenn das Gespräch vorbei ist, setz dich hin und überlege, wie das Treffen für dich war? Was hast du über den anderen erfahren? Wie hat sich deine Sicht auf den anderen verändert? Wie hast du dich bei dem Gespräch gefühlt? War es schwer, nicht selbst zu allem deine Meinung zu sagen? War es schwer, nur dann zu sprechen, wenn der andere dich etwas gefragt hat? Was hast du während des Gespräches über dich erfahren? Was hat das Gespräch mit dir gemacht? Wenn es schwer war, einfach nur zuzuhören? Warum?

Zweiter Tag.

Setz dich an einen Ort, an dem du dich wohl fühlst. Vielleicht ein Café, eine Bank auf einem belebten Platz, eine Wiese im Park. Und wenn du an dem Ort angekommen bist, dann höre zu. Hör, was um dich herum geschieht, was geredet, geschimpft, gelacht wird und versuch alle vorgefertigten Meinungen beiseite zu schieben. Vielleicht hörst du ein Kind schreien und denkst, “Schon wieder so ein verzogenes Kind.” Dann schieb diesen Gedanken zur Seite und versuche zu hören, warum das Kind schreit.
Wenn du wieder zuhause bist, setz dich wieder hin und schreibe auf,  was du gehört hast. Hat sich deine Wahrnehmung deiner Umgebung verändert? Was hat das mit dir gemacht? War es schwer auszuhalten, dich nicht abzulenken? Selbst Geräusche zu erzeugen, zum Beispiel in dem du Musik gehört hast? Wo sind deine Gedanken hin gewandert? Welche Geräusche, welche Stimmen haben deine Gedanken angeregt und wo haben sie dich hin geführt? Welche Geräusche haben dich gestört und warum? Was hatten diese Geräusche mit dir zu tun? Welche Geräusche waren dir angenehm? Warum?

Dritter Tag.

Such dir wieder einen Ort an dem du dich wohl fühlst, setz dich hin und höre dir selber zu. Hör die Stimmen in dir. Hör deinen eigenen Gedanken zu. Deinem Herzen, deinem Atem. Wenn es leichter ist, nimm einen Zettel und einen Stift mit und schreib dir auf, was du hörst. Wer spricht in deinen Gedanken mit mir? Wem davon möchtest du zuhören, wem eher nicht? Wie kannst du die Stimmen derer, die du nicht hören möchtest, bitten, still zu sein um denen zuzuhören, die dir helfen? Die dir Kraft geben? Die dir helfen wollen? Hast du solche Stimmen in dir? Wenn nicht, sei du diese Stimme. Was möchtest du dir sagen? Ist es leichter, positive oder negative Gedanken zu haben? Was überwiegt in dir?

Ich finde diese Übung so spannend, weil es so unglaublich schwer ist, richtig zu zu hören und zu identifizieren, was und wen ich gerade höre. Denn wenn ich glaube, einem anderen zuzuhören, höre ich in der Regel parallel noch mich selbst. Meine Gedanken zum Thema und vielleicht auch noch parallel die Meinung meiner Eltern, meiner Großeltern oder anderer Bezugspersonen. Vielleicht auch noch die Meinung von irgendwelchen Experten. Und am Ende des Gespräches habe ich dann eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was der andere gesagt hat. Nur hat das leider häufig wenig mit dem zu tun, was der andere zu sagen versucht hat. Was der andere glaubt, was er mir gerade erzählt hat.

Fast noch schlimmer ist es, wenn wir versuchen, uns selbst zu hören. Wie oft hören wir dann nur die Stimmen der Anderen. Was die zu dem Thema gesagt haben, was wir denken, was die zu dem Thema sagen würden. Häufig wissen wir gar nicht mehr, welche dieser vielen Stimmen, die wir in unserem Kopf hören, eigentlich unsere eigene ist.

Und dadurch wissen wir häufig gar nicht mehr, was unsere eigenen, echten Bedürfnisse sind. Durch die vielen Stimmen in unserem Kopf ist uns dieses Wissen nicht mehr zugänglich. Im gleichen Maße können wir nicht mehr wahrnehmen, was die wahren Bedürfnisse unseres Gegenübers sind. Manchmal bleibt uns sogar sein wahres Wesen verborgen. Nicht, weil er uns seine Bedürfnisse und seine Gedanken nicht mitteilt, sondern weil seine/ihre Stimme von unserer überlagert wird und wir sie nicht mehr wirklich hören können.

Diese Kombination, dass wir dazu neigen, nur uns zu hören, wenn wir dem anderen zuhören und die imaginierten oder realen Meinungen der anderen hören, wenn wir auf uns selbst hören wollen, macht es uns nahezu unmöglich, gemeinsam mit unserem Gegenüber eine demokratische Lösung von Konflikten zu finden. Eine Lösung, die im beidseitigen Interesse ist. Statt dessen verschanzen wir uns stur hinter einer Position, von der wir, wenn wir ehrlich mit uns sein könnten, auch nicht wissen, warum wir sie vertreten.