Manchmal neigen wir dazu, die Freiheit des Anderen höher zu schätzen, als unsere eigene. Dann gestehen wir dem Anderen ein Verhalten zu, das wir selbst niemals an den Tag legen würden. Wir akzeptieren das Verhalten des Anderen selbst dann noch, wenn es uns schadet.

Weil wir für den Anderen ja so viel Verständnis haben. Weil wir seine schwierige Situation verstehen. Weil wir ihn nicht einschränken wollen. Weil wir sein Recht, er selbst zu sein und sich so zu verhalten, wie es für ihn richtig ist, nicht einschränken wollen. Selbst wenn wir unter diesem Verhalten leiden. Selbst, wenn es unser eigenes Leben beeinträchtigt. Und während wir leiden, geht es uns im gleichen Moment verwirrend gut, weil wir denken, etwas Richtiges, etwas Gutes zu tun. Das wir, in dem wir zurückstecken, in dem wir Verständnis zeigen und unsere eigene Not nicht benennen, etwas Gutes tun und das dieses Gute irgendwann zu uns zurück kommen wird.

Aber kommt das Gute zu uns zurück? Was passiert wirklich?

Leider leben wir nicht im Märchen. Es kommt keine Fee und belohnt uns für unsere Selbstlosigkeit. Wir werden nicht mit Gold überschüttet, kriegen keinen Prinzen, nicht mal ein verdammtes paar Schuhe. Was wirklich passiert ist folgendes: Wir leben so immer weiter, opfern uns für andere auf und schwächen uns weiter und weiter, bis von uns und unseren wunderbaren Wesen nichts mehr übrig ist – denn wir brauchen uns keiner Illusion hinzugeben. Verzichten, zurück stecken, bedeutet im realen Leben einfach nur, dass man etwas nicht bekommt. Zurückstecken bedeutet einfach nur, dass man etwas nicht macht. Und natürlich ist es gut, auch mal zurück zu stecken.  Es ist gut, wenn man auf etwas verzichtet, was man gar nicht wirklich braucht oder was der andere gerade dringender braucht. Es ist richtig, wenn man zurücksteckt, weil der Andere gerade wichtiger ist. Weil der andere es gerade verdient, im Mittelpunkt zu stehen. Aber es ist kein Verhalten, dass wir dauerhaft an den Tag legen können. Denn dann führt es nur dazu, dass wir uns mit der Zeit auflösen.

Möglicherweise halten wir es mit der Zeit nicht mehr aus, uns still und heimlich auflösen. Im besten Falle sprechen wir dann mit der besagten Person und bringen das Verhältnis wieder in ein Gleichgewicht. Aber das ist unglaublich schwer. Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass wir irgendwann beginnen, das selbe Verhalten, unter dem wir leiden, gegenüber einer anderen, einer dritten Person auszuleben. Einer Person, die sich ebenfalls nicht dagegen wehrt, weil sie wiederum ganz viel Verständnis für uns hat und den selben Fehler macht wie wir.

Es braucht eine andere Lösung.

Das kann nicht der Weg sein. Statt dessen müssen wir für uns und unsere Bedürfnisse eintreten und wir müssen Grenzen aufzeigen. Nicht aus Arroganz oder Überheblichkeit oder weil wir denken, mehr oder besser als der andere zu sein, sondern aus Respekt vor uns und dem Anderen. Weil wir den Anderen als gleichwertig ansehen und daher erkennen, das der andere genauso Abstriche von seinen Bedürfnissen machen kann, wie wir. Dass der Andere genauso zurückstecken kann, wie wir. Dass der Andere genauso wie wir in der Lage ist, mit uns gemeinsam einen Kompromiss, eine für uns beide akzeptable Lösung zu finden. Weil wir dem Anderen zutrauen, kreativ zu werden und gemeinsam mit uns vielleicht sogar eine Lösung zu finden, die keinen von uns einschränkt. Weil wir den Anderen nicht wie ein Kleinkind behandeln, das mit Enttäuschung und Grenzen nicht leben kann. Und selbst bei Kleinkindern gehen wir ja davon aus, dass es Grenzen zwar noch nicht akzeptieren kann und daher auf Einschränkungen mit einem Wutanfall reagiert, dass aber das Kind und die Umwelt mit diesen Wutanfällen leben müssen, damit das Kind lernen kann, Grenzen und Einschränkungen auszuhalten. Wir müssen für unsere Bedürfnisse einstehen, weil wir wollen, dass das Zusammenleben funktioniert. Und auf Dauer funktionieren kann ein Zusammenleben nur, wenn beide Seiten sich wohl fühlen und wenn beide Seiten sich respektiert fühlen. Und nicht der eine das Leben nur, aus welchen Gründen auch immer, erträgt.

Der Mensch braucht Grenzen

Plus, wir Menschen suchen nach Grenzen, wir brauchen unsere Grenzen, an denen wir uns reiben, durch die wir uns spüren und merken, dass wir leben. Das wir existieren, dass es uns wirklich gibt und das wir von den anderen gesehen werden. Als gleichwertig. Als vollwertige Mitglieder einer Beziehung. Wenn wir unserem Gegenüber die Grenzen verwehren, unsere Grenzen nicht benennen, dann wird er immer weiter nach ihnen suchen, er wird immer mehr von uns fordern, immer rücksichtsloser, immer extremer verhalten, bis er endlich seine Grenzen bekommt.

Das heißt nicht, dass unser Gegenüber mit für ihn überraschend gesetzte Grenzen gut wird umgehen können. Höchstwahrscheinlich wird er zunächst ablehnend, vielleicht reagiert er sogar aggressiv und wir haben einen Konflikt. Wahrscheinlich wird er oder sie dagegen aufbegehren und dafür kämpfen, dass diese Grenze zurück genommen werden. Vielleicht wird er zunächst seine grenzenlose Welt zurück haben wollen, in der er sich komplett frei gefühlt hat. Das heißt aber nicht, dass er nicht nach dem Halt, den ihm die Grenzen geben, sucht. Das er mit seinem immer fordernderen Verhalten nicht unbewusst genau diesen Konflikt herbeigesehnt hat. Dass ihm endlich jemand Grenzen setzt und gegen seinen Willen gegen hält.

Eigene Bedürfnisse kennen

Um unsere Grenzen setzen zu können, ist es von grundlegender Bedeutung, dass wir unsere eigenen Bedürfnisse erkennen, als wichtig annehmen und für unseren Gegenüber verständlich kommunizieren. Das aber haben viele von uns verlernt.